Beatrice Krischker (privat)
Im Superwahljahr 2009 fanden unter anderem auch die Wahlen zum Europäischen Parlament statt. In Gera war an dem Tag dieser Wahl auch die Wahl des Stadtrates. Der eine oder andere Wähler wollte jedoch nur den Stadtrat wählen, was auch sein gutes Recht ist, denn die Merkmale der demokratischen Wahlen sind allgemein, unmittelbar, frei, geheim und gleiche Wahl. Doch für mich stellte sich die Frage nach dem "Warum". "Warum spielt Europa für so viele Menschen noch eine so untergeordnete Rolle?"
Einige Zeit später bekam ich die Möglichkeit, noch während meiner Ausbildung als Verwaltungsfachangestellte der Otto-Dix-Stadt Gera ein Auslandspraktikum im Rahmen des EU-Förderprogramms Leonardo da Vinci zu machen. Das "Warum" beantwortet zu bekommen, rückte in greifbare Nähe.
Durch Vermittlung des thüringischen Abgeordneten im Europäischen Parlaments, Dr. Dieter-Lebrecht Koch, absolviere ich derzeit ein dreiwöchiges Praktikum bei der deutschen Delegation der EVP-Fraktion. Die Europäische Volkspartei ist mit ihren 265 Sitzen von insgesamt 736 Sitzen die größte Partei im Europäischen Parlament. Das Praktikum, das am 18. Juli endet, bietet mir die Gelegenheit, die Parlamente in Brüssel und Straßburg kennenzulernen.
Zunächst war ich im Europäischen Parlament in Brüssel eingesetzt. Wenn man das erste Mal den Berg zum Gebäude "Altiero Spinelli" hinaufläuft, ist es atemberaubend. Tolle Architektur mit vielen Fenstern, aber irgendwie modern und zeitlos zugleich.
Mein Arbeitstag als Praktikantin beginnt um 09.00 Uhr und endet gegen 18.00 Uhr. Zu meinen Aufgaben gehört es beispielsweise, Unterschriften einzuholen, bei der Vor- und Nachbereitung von Fraktionssitzungen zu helfen, Briefe Korrektur zu lesen und einfache interne Aufgaben zu bearbeiten. Mir wird jedoch auch die Möglichkeit gegeben, Sitzungen der Parteien anzusehen und mir somit meine eigene Meinung zu bilden und auf dem Laufenden zu sein.
Kontakte mit anderen Menschen und vor allem mit Praktikanten zu knüpfen, geht schnell, weil im Europäischen Parlaments irgendwie jeder ein Ausländer ist. Es gibt an den meisten Tagen Praktikantentreffen. Diese finden oftmals beim gemeinsamen Mittagessen statt, aber auch abends treffen wir uns regelmäßig. Außer Sightseeing kann man in Brüssel auch gut entspannen. Es gibt hier viele Parkanlagen und noch mehr kleine Cafés. Übrigens schmecken die Pommes Frites hier total toll, aber eine kleine Portion ist sooo riesig, dass ich nicht wissen will wie groß eine große aussieht. Ich habe nämlich nicht einmal eine kleine Portion geschafft.
In Straßburg durfte ich neben meinen Aufgaben als Praktikantin auch einige Male Abstimmungen und Berichte im Plenum verfolgen. Ich habe beispielsweise den Präsidenten der Europäischen Kommission, José Manuel Durão Barroso, sprechen gehört und natürlich auch gesehen, habe den Wechsel von der spanischen zur belgischen Ratspräsidentschaft miterlebt und deren Berichte gehört. In Erinnerung wird mir wohl auch bleiben, dass ich bei der ersten Auslandsreise des 10. deutschen Bundespräsidenten, Christian Wulff, in Straßburg dabei war. Als er den roten Teppich mit dem Präsidenten des Europäischen Parlaments, Jerzy Buzek, hinablief, stand ich in der ersten Reihe hinter der Absperrung.
Straßburg ist eine fast schon romantische Stadt, und jeder der gern am Wasser spazieren geht, niedliche Fachwerkhäuser und kleine Gassen, die zum Shopping einladen, mag, der ist in Straßburg genau richtig.
Eine Entscheidung, die während meines Praktikums in Kraft trat, war die, dass die Telefonate und SMS in den Europäischen Mitgliedstaaten eine Höchstgrenze nicht überschreiten dürfen. Ich denke, das ist etwas, dass jeden, der nach Italien, Spanien, Frankreich oder eines der anderen Mitgliedstaaten in den Urlaub fährt, interessiert. Zurzeit bin ich wieder in Brüssel und schon mal gespannt, was ich noch alles erlebe.