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Kunstsammlung Gera eröffnet zwei Sonderausstellungen - Begegnung zweier zeitgenössischer Positionen und verschiedener Künstlergenerationen - Ausstellung „Barbara Toch – Innere Gärten“ würdigt aus Anlass des 60. Geburtstages Werk der Geraer Malerin

Die Kunstsammlung Gera eröffnet am 31. März zwei Sonderausstellungen: Den 60. Geburtstag der Geraer Künstlerin Barbara Toch nimmt die Kunstsammlung Gera zum Anlass, mit einer umfangreichen Sonderausstellung unter dem Titel „Barbara Toch – Innere Gärten“ das Werk dieser agilen und experimentierfreudigen Malerin zu würdigen. Die zweite Ausstellung, die gleichzeitig im Mittelpavillon der Orangerie eröffnet wird, bietet eine außergewöhnliche Begegnung mit einem Stück deutscher Kunstgeschichte. Die Ausstellung zeigt Plastiken und Zeichnungen von Emil Cimiotti.


Die Künstlerin Barbara Toch vor ihrem Werk. Mit dieser Schau ehrt die Kunstsammlung Gera einen wichtigen Vertreter der deutschen informellen Kunst. „Über die Möglichkeit dieser parallelen Präsentation sind wir besonders erfreut: Sie versteht sich als Begegnung zweier zeitgenössischer Positionen, die verschiedenen Künstlergenerationen angehören“, erklärt Holger Peter Saupe, Leiter der Kunstsammlung. Sie würden unterschiedliche Herkunft, Ausgangspunkte und Entwicklungswege aufweisen. In ihren Werken sei aber wiederum eine gleichartige elementare Auseinandersetzung mit Struktur und Raum zu spüren. Saupe: „So spannen die Ausstellungen einen spannungsvollen Bogen über Gattungen, Zeiten und Grenzen hinweg und laden die Besucher zu dem ein, was dem Auftrag unseres Museums entspricht, zu einer überraschenden und anregenden Begegnung mit Kunst.“



Die Ausstellung „Barbara Toch – Innere Gärten“ umfasst 41 Exponate der Malerei, Arbeiten auf Papier und Buchbinderleinen, Collagen und Faltungen. „Barbara Toch gehört zu den stillen, aber sehr konsequent arbeitenden Künstlerinnen in Thüringen, die ihren Weg uneingeschränkt fortgesetzt und einen eigenen, unverkennbaren Stil gefunden haben. Der Titel des Ausstellungsprojektes steht exemplarisch für einen Themenkreis, mit dem sich die Künstlerin seit mehr als einem Jahrzehnt intensiv auseinandergesetzt hat“, würdigt Holger Peter Saupe das Schaffen. In dieser Zeit haben Barbara Toch u.a. die sichtbare und organische Natur, Wachstum und Zersetzung, Bewegung und Veränderung, emotionale und rationale Elemente, aber auch Reflexionen über traditionelle formal-ästhetische Fragestellungen der Form-, Farb-, Körper- und Raumbeziehungen in der Kunst beschäftigt. Die Ausstellung umspannt zwar ein ganzes Jahrzehnt, konzentriert sich aber dennoch auf Arbeiten, die in den letzten fünf Jahren entstanden sind. Damit legt diese den Schwerpunkt auf eine wichtige Werkphase im Schaffen der Künstlerin, die bislang in diesem umfangreichen Zusammenhang noch nicht dargestellt wurde. „Für diese Phase ist charakteristisch, dass sich die noch auf eine konkrete Gegenständlichkeit verweisenden Bildformulierungen weiter abstrahieren und zu expressiv strukturierten, mitunter autonomen Formfindungen entfaltet haben, die dennoch eine zeichenhafte und metaphorische Signifikanz aufweisen“, erklärt Holger Peter Saupe. Eigenwillige Formationen, Kapseln und Gebilde, schwarze Gittergewebe und verwobene Netzstrukturen würden erscheinen, manchmal wie im Schwebezustand, vor oder neben transparenten Farbfeldern oder geschichteten Farbräumen mit reduzierter Farbigkeit. Ihr Gestaltungswille brauche die emotionale Reibung an den Widersprüchen der äußeren und inneren Welt. Sie bediene nicht das Gefällige, sondern gebe Anstöße, der gewohnten Wahrnehmung Widerstände entgegenzustellen und Auseinandersetzung zu provozieren.






Blick in die Ausstellung „Barbara Toch – Innere Gärten“ - Werk "Unbekanntes Ufer", 2009 1950 in Dresden geboren, studierte Barbara Toch von 1968 bis 1973 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig bei Werner Tübke und Wolfgang Mattheuer. Ende 1977 siedelte sie nach Gera über. Hier entfaltete die Künstlerin, mittlerweile über vier Jahrzehnte hinweg, eine eigene malerische Grundhaltung. Sie löste sich allmählich von ihrer metaphorischen Bildauffassung, sprengte das bisherige Motiv- und Formenrepertoire auf und variierte und experimentierte mit Rhythmen, Kontrast- und Farbwerten. Dabei lotete sie Motiv- und Bildformulierungen, Spannungen und Formbeziehungen neu aus. Sie nutzte die Collagetechnik, fügte grafische Bildelemente zur Erweiterung der Ausdrucksmöglichkeiten ein und gab der spielerischen Phantasie mehr Raum.

Die Ausstellung und die Publikation dazu wird durch das Thüringer Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur und der DKB Wohnungsgesellschaft Thüringen mbH unterstützt.
Der Künstler Emil Cimiotti. Die zweite Ausstellung ist Emil Cimiotti gewidmet, der zu den bedeutendsten deutschen Bildhauern der Nachkriegsjahrzehnte zählt. Mit 22 Plastiken aus fünf Jahrzehnten sowie 15 Werkskizzen und sieben Zeichnungen zeigt die Geraer Ausstellung Arbeiten aus den wichtigsten Schaffensphasen und vermittelt einen charakteristischen Überblick über das bildhauerische Werk des Künstlers.

Emil Cimiotti wurde 1927 in Göttingen geboren. Nach dem Krieg absolvierte er eine Lehre als Steinmetz und ging 1949 zum Studium an die Kunstakademie in Stuttgart. 1951 wechselte er nach Berlin zu Karl Hartung und ging kurz darauf mit einem Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes an die Académie de la Grande Chaumière nach Paris zu Ossip Zadkine. Dort besucht er Constantin Brancusi, Le Corbusier und Fernand Leger und setzt sich mit Plastik und Skulptur der Internationalen Moderne auseinander. Besonders die Arbeiten von Constantin Brancusi, Alberto Giacometti und Henri Laurens ließen Cimiotti begreifen „was eine Plastik ist - jenseits aller Themen und ganz unspektakulär. Bloße Volumen, die sich im Raum behaupten." (Emil Cimiotti) Im Herbst 1951 kehrte er an die Stuttgarter Akademie zurück und beendete dort 1954 sein Studium. 1959 erhielt er das Stipendium der Villa Massimo in Rom. 1963 wurde er an den Lehrstuhl für Bildhauerei der neu gegründeten Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig berufen.

Emil Cimiotti hat einen völlig neuen Ansatz von Plastik entwickelte und dadurch einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung der Bildhauerkunst in Deutschland geleistet. 1956 von der Kunstkritik noch heftig verrissen, errang der Künstler mit seinen „informellen“ Plastiken nur wenige Jahre später große Aufmerksamkeit. 1958 und 1960 war er bereits auf der Biennale in Venedig, 1959 und 1963 auf der documenta in Kassel vertreten. Als einzigen Künstler wurde ihm zweimal der renommierte Kunstpreis "junger westen" verliehen. 1957 für Bildhauerei und zwei Jahre später für Handzeichnung. 1967 zählte ihn die Kunstkritik euphorisch mit „zu den einzigen reifen Bildhauern von internationalem Rang, die Deutschland aufzuweisen hat“ (John Anthony Twaites). Die Auseinandersetzungen mit Struktur und Raum sind die Grundthemen seiner Kunst und seine Arbeiten beziehen ihr Spannungen aus dem Wechselspiel von Leichtigkeit und Schwere, Lasten und Schweben, Statik und Bewegung. Obwohl in massiver Bronze gegossen, wirken seine durch offene Strukturen geprägten Plastiken leicht und transparent. Durch ihre konsequent gebrochene äußere Form weisen sie in den umliegenden Raum, lenken den Blick des Betrachters aber ebenso in die Innenräume und Hohlformen der Plastik, die durch zarte Stege verbunden sind oder die Binnenformen ineinander übergehen lassen. Die meist schrundige und raue Oberfläche seiner Arbeiten geben die Spuren des künstlerischen Entstehungsprozesses zu erkennen und erzeugen zudem ein reizvolles Spiel von Licht und Schatten. Bis heute arbeitet Emil Cimiotti hauptsächlich in der alten und traditionellen Technik des Wachsausschmelzverfahrens. Bei dieser Technik geht die künstlerische Form im Gießprozess verloren, so dass die gegossene Plastik immer ein Unikat darstellt.

Die beiden Sonderausstellungen sind in der Kunstsammlung Gera, Orangerie, vom 31. März bis 24. Mai, Dienstag 13 bis 20 Uhr, Mittwoch bis Freitag 10 bis 17 Uhr, Samstag, Sonntag und an Feiertagen von 11 bis 18 Uhr zu sehen.

Veröffentlichung: 24.03.2010