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Neues Verfahren in der Betreuung behinderter Menschen setzt auf mehr Mitsprache und Alternativen zum Heim (12. Juni 2015)





Sie informierten im Rathaussaal zum Integrierten Teilhabeplan und standen für Fragen zur Verfügung (v.l.): Rainer Ulrich, Birgit Klemm, Ralf Bremauer und Ines Strube. (Stadt Gera/Catrin Heinrich) Stadt Gera stellte Vorhaben „Integrierter Teilhabeplan“ im Rathaussaal vor

Gera führt voraussichtlich 2016 ein neues Verfahren zur Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderung ein. Der sogenannte „Integrierte Teilhabeplan“ (ITP) folgt dem seit Jahren eingeleiteten Paradigmenwechsel in der Behindertenbetreuung: weg von der zentralisierten Betreuung in Heimen und Werkstätten, hin zu mehr persönlicher Freiheit und Mitbestimmung sowohl bei den Arten der Hilfen als auch der Orte, an denen die Hilfen stattfinden. Nach dem europaweiten Anspruch der Inklusion sollen alle Menschen gleichberechtigt und ungehindert am gesellschaftlichen Leben teilhaben und mitentscheiden können, wie ihr Weg in ihre Zukunft aussehen soll. Gera beschloss mit dem Integrierten Stadtentwicklungskonzept ISEK GERA2030 zahlreiche Maßnahmen, um diese Teilhabe besser gewährleisten zu können. Der Integrierte Teilhabeplan ist ein Bestandteil der Inklusionsvorhaben.

Zur Einführung des ITP in Gera informierte jetzt die Stadtverwaltung Gera öffentlich alle Interessierten im Rathaussaal. Die Maxime der Verwaltung formulierte Birgit Klemm, Fachdienstleiterin Kinder- und Jugendhilfe: „Wir wollen unsere Betreuung für Menschen mit Handicap noch stärker an den individuellen Bedürfnissen ausrichten. Der Maßstab ist der Mensch – und wir müssen uns nach der Einführung des ITP von unseren Klienten an den Ergebnissen messen lassen“.

Im Vergleich zur bisherigen Vorgehensweise bezieht ITP in der Hilfebedarfsermittlung stärker als bisher die Bedürfnisse, Ziele und Wünsche der Behinderten ein. Diese fließen in die Entwicklungsziele und in die festzulegenden Betreuungsformate direkt ein. Das alles wird präziser und nachvollziehbarer in der Gesamtplanung zur Entwicklung jedes Einzelnen verankert. Am Ende der Vereinbarungslaufzeit wird das Ergebnis und damit die Wirksamkeit von Hilfeleistungen hinterfragt.

Neben der erweiterten persönlichen Mitsprache der Menschen mit Handicap zielt der ITP auf eine zweite grundsätzlichen Neuerung: das System der Heime und Werkstätten und damit der sogenannten objektzentrierten Fürsorge soll reformiert werden. „Dieses Objekt-System entstand etwa um 1830. Heute, nach fast 200 Jahren, arbeiten wir daran, dass Behinderte die Hilfe an dem Ort erhalten, an dem sie ihr soziales Umfeld haben und sie das Recht haben, über sich selbst zu entscheiden“, so Ralf Bremauer zur Informationsveranstaltung im Rathaussaal. Der Geschäftsführer des Instituts für personenzentrierte Hilfen gGmbH entwickelte gemeinsam mit dem Institut für personenzentrierte Teilhabe der Fachhochschule Fulda das IFP-Verfahren dem „inneren Ruf nach Freiheit“ für alle folgend – was dabei nicht bedeute, dass alle Wünsche jetzt erfüllt werden können. Dem schloss sich Rainer Ulrich an. Der Referatsleiter Pflegesatzwesen im Thüringer Landesverwaltungsamt arbeitet seit rund drei Jahren mit Thüringer Modellkommunen an der ITP. Er kennt den Deckel über den verfügbaren finanziellen Mitteln und sagt: Das System soll individueller und besser, aber nicht teurer werden. Darin liege durchaus eine Herausforderung bei der Abwendung von Heimen und Werkstätten: Ein Heimplatz koste am Tag um die 65 Euro. Dazu gebe es nicht in jedem Fall eine nützlichere Alternative. Rainer Ulrich sieht vor allem in der Zusammenarbeit mit Anbietern von Leistungen, mit den Kommunen und den Betroffenen den Schlüssel für die Tür in die Zukunft. Er strebt nach der „Wandlung im Thüringer Dreiklang“ mit diesen drei Möglichkeiten: Zum einen können bestehende Einrichtungen teilweise weitergeführt, zum anderen in Teilen dem personenzentrierten Ansatz folgend in ein ambulantes Angebot umgewandelt werden und es können zum Dritten neue ambulante Formen aufgebaut werden.

Ines Strube, Fachgebietsleiterin Soziale Leistungen der Stadtverwaltung, kündigt als konkreten Schritt für die Kooperation mit allen Beteiligten an: „Wir stehen vor echten Herausforderungen. Ich wünsche mir sehr und wir arbeiten darauf hin, Schritt für Schritt gemeinsam mit unseren Klienten und mit den Anbietern von Betreuungsleistungen die integrierte Teilhabeplanung zu meistern. Dafür gründet sich am 30. Juni eine Regionale Steuerungsgruppe, um gemeinsam mit Verwaltung und allen regionalen Anbietern von Hilfeleistungen den Weg zur Einführung von ITP und der Weiterentwicklung der Eingliederungshilfen in Gera zu gehen.“

Die Integrierte Teilhabeplanung wurde in Hessen bereits erprobt. Gera bereitet sich seit 2014 auf die Integrierte Teilhabeplanung als eine von 19 Thüringer Modellkommunen vor.
Positionen und Teilnehmer zur Auftaktveranstaltung

Birgit Klemm begrüßte herzlich im Rathaussaal und im Namen von Sozialdezernentin Sandra Schöneich. Die Fachdienstleiterin Kinder und Jugendhilfe umschrieb den eigenen Anspruch der Verwaltung mit: "Der Maßstab ist der Mensch – und wir müssen uns nach der Einführung des ITP von unseren Klienten an den Ergebnissen messen lassen." (alle Fotos: Stadt Gera/Catrin Heinrich)
Ines Strube verantwortet mit ihrem Team im Fachgebiet Soziale Leistungen auch das Thema Eingliederungshilfe. Einige Mitarbeiter sind bereits geschult für das neue Verfahren ITP, bis zur Einführung werden alle Mitarbeiter umfassendes ITP-Wissen erwerben.
Das neue Verfahren ist ein wichtiges Thema für Geras Behindertenbeauftragte Christine Morgenstern (2. Reihe, 2. v. r.). Sie nahm gemeinsam mit Monique Heinze (2. Reihe, li.), Leiterin der Ehrenamtszentrale, sowie Beate Böhm (2. Rreihe, 2.v.l.), Sucht- und Psychiatriekoordinatorin der Stadt Gera, an der Veranstaltung teil.
Einige der Teilnehmer nutzten die Gelegenheit, ihre Fragen zu stellen. Sowohl Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Wohlfahrtsverbänden als auch Personen mit Handicap diskutierten mit den Vertretern von Stadt, Land und Institut.
Nichts überstürzen sondern Schritt für Schritt in die Zukunft gehen - das war eine der eindringlichsten Botschaften der Stadt Gera an Vertreter der Unternehmen der Behindertenhilfe und an Personen mit Handicap. Gemeinsam mit allen Beteiligten sollen neues Denken und neue Angebote in der Eingliederungshilfe sich entfalten.
Ralf Bremauer, Geschäftsführer des Instituts für personenzentrierte Hilfen gGmbH (am Mikro), möchte mit dem IFP-Verfahren dem „inneren Ruf nach Freiheit“ folgen und das neue Denken und Agieren in der Behindertenhilfe auch in Gera intensiv begleiten und unterstützen. Er stand gemeinsam mit dem Thüringer Referatsleiter Pflegesatzwesen, Rainer Ulrich (Mitte), sowie Fachdienstleiterin Birgit Klemm für alle Fragen zur Verfügung.
Magdalena Lenk (l.), Fachgebietsleiterin Soziales Steuerungsmanagement, und Saskia Leupold-Grunewald, Fachdienstleiterin Bildung der Stadtverwaltung, sind stark beteiligt an der Weiterentwicklung des Systems der Eingliederungshilfe.
Stefanie Tix und André Bierlich bearbeiten mit ihren Leistungsteams die Eingliederungsanträge - die künftig als ITP aufgebaut sind.
Zu den wesentlichen Neuerungen gehören Ziele, die zwischen der betroffenen Person und den Leistungserbringern sowie der Behörde vereinbart werden. Präziser als bisher werden im ITP konkrete Ziele festgelegt, die wiederum auf Wünschen und Zielen der Behinderten beruhen sowie den Ansätzen der Hilfeleistenden und der Fachleute der Verwaltung. Hier das definierte Feld der Formulare mit einer Zielabfrage.

Veröffentlichung: 19.06.2015