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Themenausstellung Romantisches Gera

Geraer Alltag von 1800 bis 1900 in den Werken der Malerfamilie Fischer


Zwischen 1800 und 1900 wandelt sich Gera von einer Handels- und Gewerbestadt mit etwa 7.000 Einwohnern zur größten Industriestadt der thüringischen Staaten mit etwa 46.000 Einwohnern.

Der städtische Raum – um 1800 noch zum größeren Teil innerhalb der mittelalterlichen Stadtmauer gelegen – vervielfacht sich im Lauf des Jahrhunderts. Neue Wohn- und Fabrikviertel, zahlreiche neu projektierte Straßen, zeittypische Wohngebäude, Eisenbahnlinien und ab 1892 die Straßenbahn verändern nachhaltig das Bild der Stadt. Prägend für das Geraer Stadtbild werden ebenso die rauchenden Schornsteine der Fabrikanlagen wie die gründerzeitlichen Villen.


Der Kosmos von Theodor Fischer: das Geraer Bürgertum. Ausschnitt aus einem Gemälde von 1879. Zu den bekanntesten Geraer Malern dieses ereignisreichen Jahrhunderts gehören zweifellos Heinrich Fischer (1786 – 1850) und sein Sohn Theodor Fischer (1824 – 1908). Mehr als einhundert Jahre liegen zwischen dem ältesten Werk Heinrich Fischers von 1803 und dem jüngsten seines Sohnes von 1905. Ihrer Heimatstadt Gera bleiben Vater und Sohn Fischer lebenslang verbunden; sie wohnen, arbeiten und sterben hier. Zwangsläufig hat dadurch ein Großteil ihrer Porträts und Ansichten einen direkten Bezug zu Gera, ihre Werke werden so zum einmaligen und unersetzlichen Zeugnis für die Stadtgeschichte.

Die beruflichen Laufbahnen von Vater und Sohn zeigen mehrere Parallelen. Beide studieren an der Kunstakademie in Dresden. Heinrich Fischer unterrichtet am Geraer Gymnasium das Fach Zeichnen, Theodor Fischer übernimmt nach dem Tod des Vaters diese Stelle. Beide fertigen vorrangig Auftragswerke. Von Heinrich Fischer sind 1.655 Porträts namentlich bekannt, von Theodor sind es 849. Beiden ist auch – bedingt durch die klassisch-handwerkliche Kunstausbildung – eine große Genauigkeit eigen. Ob beim zarten Stoffschleier in einem Damenporträt, beim Schattenwurf eines Hauses im Sonnenlicht oder beim Blick Heinrich Fischers vom Turm der Salvatorkirche auf die Stadt – immer ist der Ehrgeiz spürbar, die Dinge genau so abzubilden, wie sie wirklich sind.

Großflächige Inszenierungen – hier im Bild eine Straßenszene um 1900 – binden die Werke der beiden Künstler in die Stadtgeschichte ein. Heinrich und Theodor Fischer sind genaue Beobachter ihrer Umgebung. Die Arbeiten des Vaters strahlen biedermeierliche Gemütlichkeit aus, sie erlauben einen oftmals sehr intimen und detaillierten Blick in Geraer Wohnstuben und Hinterhöfe. Seine kleinformatigen Pastelle zeigen Handwerker, die sich – der Mode der Zeit und wohl auch einer gewissen Eitelkeit folgend – gern porträtieren lassen. Dagegen kommen in Theodor Fischers Werken der Unternehmungsgeist und die Rastlosigkeit der Reichsgründung sowie der nun folgenden Gründerjahre zum Ausdruck. Die Personen seiner zum Teil lebensgroßen Porträts strahlen Selbstbewusstsein und Geschäftigkeit aus, in seinen Straßenszenen findet sich die vornehme Gesellschaft Geras.

Vater und Sohn sind Meister ihrer Profession, beide beherrschen ihre Arbeitsmittel perfekt. Sie malen, was sie sehen, aber sie malen nicht alles. Beide zeigen – eingebettet in die romantischen Vorstellungen ihrer Zeit – fast ausschließlich die idyllischen Seiten ihres Universums. Vor allem in den Werken von Theodor Fischer ist die Abneigung gegen die mit aller Gewalt hereinbrechenden wirtschaftlichen und damit auch sozialen Veränderungen zu spüren. In seinen Straßenszenen ist kaum einmal ein Schornstein – das Symbol der Industrialisierung ab 1850 – zu erkennen.

Die Straßen und Plätze seiner Gemälde bevölkert die ganze Bandbreite des Bürgertums: Kaufleute, Regierungsräte, Doktoren, Handwerker, Polizeidiener, Postboten, Marktfrauen, Dienstmägde. Die Arbeiter als Produkt der neumodischen lärmenden und qualmenden Industrieanlagen finden in den Fischer-Bildern dagegen keinen Platz. In den an seinem Lebensende entstandenen Werken zieht sich Theodor Fischer endgültig aus seiner Gegenwart zurück. Nach Skizzen und Grafiken seines Vaters fertigt er von 1903 bis 1905 etwa 12 Ölgemälde, welche Geraer Szenen zwischen 1820 und 1850 zeigen – der glücklichen Zeit seiner Jugendjahre.

Die Ausstellung „Romantisches Gera“ zeigt etwa 110 Arbeiten der beiden Maler, die zu außergewöhnlichen Chronisten des 19. Jahrhunderts in Gera wurden.