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„Tütenlampe, Petticoat und Nierentisch. Zum Alltagsdesign der 1950er und 1960er Jahre“

Neue Sonderausstellung im Museum für Angewandte Kunst Gera vom 28. März bis 3. Juni


(Stadtverwaltung/Steffen Weiß) Eine neue Sonderausstellung unter dem Titel „Tütenlampe, Petticoat und Nierentisch. Zum Alltagsdesign der 1950er und 1960er Jahre“ präsentiert das Museum für Angewandte Kunst vom 28. März bis zum 3. Juni. Das Haus behandelt in der Ausstellung verschiedene Themenschwerpunkte zur Alltagskultur der 1950er und 1960er. Sie erweckt Erinnerungen an diese Zeit und kann zudem mit innovativen Design aufwarten, das bis in die Gegenwart wirkt. Zu sehen sind Gebrauchsgegenstände aus Kunststoff, Glas, Keramik und Porzellan, darunter Klassiker wie die Orchideenvase „Schwangere Luise“. Ebenso elektrische Haushaltsgeräte, Mode, Textilien, Filmplakate und Werbung. Gleichzeitig vermitteln Musik und Werbefilme aus den 1950er und 1960er Jahren Einblicke in das Lebensgefühl und Stimmungsbild dieser Zeit.
(Stadtverwaltung/Steffen Weiß) Die 1950er Jahre waren nach den Entbehrungen des 2. Weltkrieges eine Zeit des Aufbruchs, die Wunden des Krieges begannen zu verheilen. Man wollte wieder leben, sich was leisten - sowohl im sich entwickelnden Wirtschaftswunderland BRD als auch in der DDR. Zwei gesellschaftliche Systeme prallten aufeinander, der Beginn des kalten Krieges, die Etablierung zweier neuer deutscher Staaten, die erneute Angst vor einem (Atom)Krieg, Entmilitarisierung und Wiederaufbau.

Unter der Ägide Konrad Adenauers und mit dem von den USA initiierten Marshallplan strebte die junge Bundesrepublik dem wirtschaftlichen Aufschwung entgegen. Im östlichen Teil Deutschlands waren die Bedingungen durch Reparationsleistungen an die Sowjetunion wesentlich schwieriger. Die volkswirtschaftliche Entwicklung verlief dadurch sowie durch die zentrale Planwirtschaft zögerlicher. Gesellschaftliche und kulturelle Doktrin führten zur Unzufriedenheit und einer massenhaften Fluktuation in den Westen, die die DDR-Führung nur durch den Bau der Mauer glaubte, stoppen zu können. Die Zeit vom Ende des 2. Weltkrieges bis zum Beginn der 1960er Jahre war eine Zeit des Umbruchs, eines Neuanfangs, eines neuen Lebensgefühls und vieler neuer Einflüsse. Es entstand eine moderne Warenwelt, die in der Gegenwart oft zu klischeehaften Ansichten dieser Zeit führte. Wer denkt nicht an die asymmetrisch geformten Tische, an den Gummibaum, Lampen in Tütenform, gebauschten Röcke, Comics, an neue Tänze, wie Rock ‘n‘ Roll, Lollipop oder Lipsi bis hin zum Twist am Beginn der 1960er Jahre. Lange wurde diese Zeit als „Nierentischära“ abgetan. Es war nicht nur eine Zeit der „verrückten“ oder skurrilen Gestaltungen. Es entstanden neue Stilbilder, die heute ein Comeback feiern.


(Stadtverwaltung/Steffen Weiß) Die gestalterischen Ansprüche der Vorkriegszeit, wie Klarheit, Funktionalität sowie Materialgerechtigkeit auf Grundlage der Lehren von Werkbund und Bauhaus wurden aufgegriffen, weiterentwickelt und zunehmend durch avantgardistische, amerikanische, italienische und skandinavische Einflüsse ergänzt oder auch verdrängt. Organisch bewegte Formen mit wenigen plastischen Schmuckelementen sowie pastellige Farben und zarte Linien entsprachen dem neuen Lebensgefühl. Raymond Loewy (1893-1986) oder Richard Latham (1920-1991) aus den USA bzw. auch der finnische Designer Tapio Wirkkala (1915-1985) brachten neben anderen diese Einflüsse nach Europa und Deutschland. Formgestalter aus dem östlichen Teil Deutschlands, die durch den Deutschen Werkbund und das Bauhaus weitgehend geprägt waren, sahen vorerst beste Voraussetzungen für eine anspruchsvolle funktions- und materialgerechte Gestaltung, vor allem unter Industriebedingungen.
(Stadtverwaltung/Steffen Weiß) Durch die politischen Diktionen der berüchtigten Formalismusdebatte in Ostdeutschland wurden die Entwicklungen progressiver Ideen plötzlich als systemfeindlich angesehen und hemmten vorerst die künstlerische Weiterentwicklung.

Viele Namen der Formgestalter von Alltagsgegenständen, die in den 1950er Jahren meist in großen Stückzahlen hergestellt wurden, sind heute kaum bekannt. Deshalb gehört zu den Höhepunkten der Ausstellung auch künstlerisch hochwertiges Möbel-, Textil- und Porzellandesign aus Ost- und Westdeutschland, wie beispielsweise der Schreibtisch des Bauhauskünstlers Mart Stam (1899-1986), den er seinem Künstlerfreund Hajo Rose (1910-1989) schenkte, Gestaltungen von Horst Michel (1904-1989), zahlreiche Stoffentwürfe der Textildesignerinnen Tea Ernst (1906-1991) oder Erna Hitzberger (1905-2003) sowie Porzellan von Raimond Loewy und Richard Latham.


(Stadtverwaltung/Steffen Weiß) Die zahlreichen Objekte der Ausstellung stammen aus eigenen Beständen, aus dem Geraer Stadtmuseum, aus dem Archiv der Moderne der Bauhausuniversität Weimar und aus privaten Sammlungen. Geöffnet ist die Sonderausstellung im Museum für Angewandte Kunst Gera, Greizer Straße 37, 07545 Gera, Mittwoch bis Sonntag und an Feiertagen von 12 bis 17 Uhr.

Veröffentlichung: 04.04.2018