Vogelküken gehören nicht ins Wohnzimmer!
Aktuell erreichen die Zentrale Leitstelle Gera vermehrt Anrufe von Bürgerinnen und Bürgern, die einen jungen Vogel gefunden, ...

... mit nach Hause genommen und anschließend die Feuerwehr oder den Notruf gewählt haben, weil unklar ist, wie mit dem Tier weiter verfahren werden soll.
Ein kleiner Vogel, der scheinbar allein auf dem Boden sitzt und noch nicht richtig fliegen kann, wirkt schnell hilflos. Doch gut gemeinte Hilfe ist nicht immer die richtige Hilfe.
In den meisten Fällen befindet sich der Jungvogel nämlich gar nicht in einer Notlage.
Viele junge Vögel verlassen ihr Nest bereits, bevor sie vollständig fliegen können. Diese sogenannten Ästlinge sind meist schon vollständig befiedert. Sie sitzen auf dem Boden, hüpfen durchs Gras, verstecken sich unter Sträuchern oder flattern nur kurze Strecken. Das gehört zu ihrer natürlichen Entwicklung.
Auch wenn die Elterntiere nicht sofort zu sehen sind, befinden sie sich häufig in der Nähe. Sie hören die Rufe ihres Nachwuchses, beobachten die Umgebung und versorgen die Jungvögel weiterhin mit Futter. Nähern sich Menschen oder Haustiere, halten sich die Elterntiere oft zurück und kehren erst zurück, wenn wieder Ruhe eingekehrt ist.
Was ist zu tun?
Abstand halten und Ruhe bewahren.
Den Jungvogel zunächst aus größerer Entfernung beobachten. Wer direkt daneben steht, verhindert möglicherweise, dass die Elterntiere zurückkehren.
Vollständig befiederte Jungvögel nicht mitnehmen.
Kann der Vogel sitzen, stehen oder hüpfen und sind keine Verletzungen erkennbar, handelt es sich wahrscheinlich um einen Ästling. Er sollte möglichst am Fundort bleiben, damit ihn seine Eltern weiterhin versorgen können.
Nur bei unmittelbarer Gefahr umsetzen.
Befindet sich der Jungvogel auf einer Straße, einem Radweg oder an einer anderen gefährlichen Stelle, kann er vorsichtig wenige Meter weiter unter einen Strauch, in eine Hecke oder auf einen niedrigen Ast gesetzt werden. Der Fundort sollte dabei nicht wesentlich verlassen werden, da die Elterntiere dort nach ihrem Nachwuchs suchen.
Kinder, Hunde und Katzen fernhalten.
Ausreichend Ruhe erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die Elterntiere ihren Nachwuchs ungestört versorgen können.
Ästling oder Nestling – wo liegt der Unterschied?
Ein Ästling ist bereits weitgehend befiedert, kann meist stehen oder hüpfen und hält sich außerhalb des Nestes auf. Er benötigt normalerweise keine menschliche Hilfe und wird weiterhin von seinen Eltern versorgt.
Ein Nestling ist dagegen noch nackt oder nur spärlich befiedert und nicht in der Lage, selbstständig zu sitzen oder sich fortzubewegen. In diesem Fall kann das Tier tatsächlich aus dem Nest gefallen sein.
Ist das Nest erreichbar, kann der Nestling vorsichtig zurückgesetzt werden. Die weitverbreitete Annahme, Vogeleltern würden ihren Nachwuchs wegen des menschlichen Geruchs verstoßen, ist falsch. Die Elterntiere nehmen ihre Jungen in der Regel weiterhin an.
Ist das Nest nicht auffindbar oder kann der Jungvogel nicht sicher zurückgesetzt werden, sollte fachlicher Rat bei einer Wildvogelauffangstation, einem Tierschutzverein oder einer Tierarztpraxis eingeholt werden.
Bitte nicht füttern und kein Wasser in den Schnabel geben!
Junge Wildvögel benötigen – je nach Art und Entwicklungsstand – eine sehr spezielle Nahrung. Brot, Milch, Haferflocken, Körner oder andere Lebensmittel können erhebliche Schäden verursachen.
Auch Wasser darf nicht direkt in den Schnabel gegeben werden. Gelangt Flüssigkeit in die Atemwege, besteht Erstickungsgefahr oder das Risiko einer schweren Lungenentzündung.
Wann benötigt ein Jungvogel tatsächlich Hilfe?
Professionelle Hilfe ist erforderlich, wenn der Vogel:
- sichtbar verletzt ist oder blutet,
- einen Flügel oder ein Bein auffällig hängen lässt,
- sehr schwach, kalt oder teilnahmslos wirkt,
- von einer Katze oder einem anderen Tier angegriffen wurde,
- noch kaum befiedert ist und nicht in sein Nest zurückgesetzt werden kann,
- sich in einer unmittelbaren Gefahrensituation befindet oder
- nach längerer Beobachtung tatsächlich nicht mehr von seinen Eltern versorgt wird.
In diesen Fällen sollte eine Wildvogelauffangstation, ein örtlicher Tierschutzverein oder eine Tierarztpraxis kontaktiert werden.
Kein Fall für den Notruf
Ein unverletzter Jungvogel am Boden ist in der Regel kein Einsatz für Feuerwehr oder Rettungsdienst und kein Grund, den Notruf 112 zu wählen.
Der Notruf sollte ausschließlich für akute Notfälle freigehalten werden, damit Feuerwehr und Rettungsdienst jederzeit schnell Hilfe leisten können.
Häufig ist die beste Hilfe, genau hinzusehen, Abstand zu halten und den Vogeleltern die Möglichkeit zu geben, ihren Nachwuchs selbst weiter zu versorgen.
