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2026

Februar 2026: Im Arbeitszimmer eines Bauhäuslers: Otto Lindig zwischen Fotografie und Keramik

Februar 2026: Im Arbeitszimmer eines Bauhäuslers: Otto Lindig zwischen Fotografie und Keramik

In Gedanken versunken sitzt Otto Lindig rauchend in seinem Arbeitszimmer. Seit 1920 war er Lehrling in der Keramikwerkstatt des Bauhauses. Diese befand sich als einzige der Werkstätten nicht in Weimar, sondern im nahegelegenen Dornburg/Saale. Der Unterricht war zweigeteilt: In der „oberen“ Werkstatt vermittelte der Töpfer Max Krehan die handwerklich-technischen Grundlagen, in der „unteren“ unterrichtete der Bildhauer Gerhard Marcks den künstlerischen Entwurf.

1922 legten in Dornburg vier Lehrlinge ihre Gesellenprüfung ab: Otto Lindig, Marguerite Friedlaender, Theodor Bogler und Werner Burri. Noch im selben Jahr übernahmen Bogler und Lindig die technische Leitung der „unteren“ Werkstatt.

Die Fotografie zeigt Lindig als konzentrierten, sachlichen Meister seines Fachs. Auf den Tischen und Regalen um ihn herum liegen ein aufgeschlagenes Buch, Segerkegel zur Temperaturbestimmung im Brennofen, eine Waage, Hefte und keramische Gefäße. Neben der Tür steht ein Notenständer – ein Hinweis auf den Privatmenschen Lindig, der gerne Violine spielte, bevorzugt Werke Johann Sebastian Bachs.

Die Aufnahme gehört zu einem Konvolut von rund 389 Glasnegativen im Museum für Angewandte Kunst. Glasnegative sind fotografische Bildplatten aus lichtempfindlich beschichtetem Glas, die vor Einführung des Rollfilms verwendet wurden. Otto Lindig fertigte den Großteil der Aufnahmen selbst an. Die Negative dokumentieren Familien- und Arbeitsleben sowie die Wohn- und Werkstattsituation im Dornburg der 1920er- und 1930er-Jahre. Sie zeigen Gemeinschaft, die Ernsthaftigkeit der Lebensverhältnisse, aber auch heitere und malerische Momente.

Eine Vielzahl der Aufnahmen dokumentiert darüber hinaus das keramische Werk Lindigs. Unter seiner und Boglers Leitung entstanden Gussformen, die eine Serienproduktion von Keramiken ermöglichten. Auf dem Regal im Arbeitszimmer Lindigs ist etwa die Deckeldose L 3 zu erkennen, die Theodor Bogler 1923 für das Musterhaus Am Horn in Weimar entwarf.

Als das Bauhaus 1925 nach Dessau umzog, blieb Otto Lindig in Dornburg und führte die Werkstatt bis 1947 weiter. Anschließend wirkte er als Dozent an der Landeskunstschule in Hamburg.

Eine Auswahl der Aufnahmen sowie eine Vielzahl an Bauhaus Keramiken sind in der Dauerausstellung des Museums für Angewandte Kunst Gera zu sehen.

[Text: Anne-Kathrin Segler]