Mai 2026: Zwei japanische Bodenvasen mit bewegter Geschichte

Das beeindruckende Porzellanvasenpaar stammt vom Ende des 19. Jahrhunderts, seine heutige Bedeutung geht jedoch weit über seinen ästhetischen Wert hinaus.
Die Vasen gehörten einst zum Kunstbesitz des Fürstenhauses Reuß jüngerer Linie und zierten die historischen Räume von Schloss Osterstein in Gera.
Mit einer Höhe von 75,5 cm und einem Randdurchmesser von 29 cm zählen sie zu den Tsubo (Bodenvasen), die im Japan der Meiji-Zeit (1868–1912) vornehmlich für den europäischen Exportmarkt gefertigt wurden. Die reiche Bemalung mit floral-szenischem Dekor ist ein typisches Merkmal hochwertiger japanischer Exportware dieser Epoche.
Die Vasen sind ungemarkt – ein Umstand, der für den japanischen Exportporzellanmarkt des späten 19. Jahrhunderts nicht ungewöhnlich ist. Das Fehlen einer Manufakturmarke erschwert die präzise Zuordnung, schließt eine hochwertige Herkunft jedoch keineswegs aus.
Spätestens seit der Zeit des Barock schmückten die deutschen Fürstenhäuser ihre Schlösser mit asiatischen Objekten und Motiven, den sogenannten Chinoiserien. Japanisches Porzellan erlebte nach der Ausweitung der Produktion im späten 19. Jahrhundert eine Renaissance, als Töpfer neue Glasurtechniken für die Dekoration entwickelten.
Das Vasenpaar vermittelt heute eine Ahnung des Repräsentations- und kulturellen Anspruchs der reußischen Fürsten, mit dem sie Schloss Osterstein immer wieder Erneuerungen unterzogen. Der Erwerb der Vasen fällt in die letzte, sehr intensive Umbauphase zwischen der Reichsgründung 1871 und dem Ersten Weltkrieg.
Als Objekte der Zeitgeschichte besitzen sie zudem wissenschaftliche und kulturhistorische Brisanz aufgrund ihrer wechselvollen Besitz- und Eigentumsgeschichte. Die deutschen Fürstenhäuser verloren nach dem Ende der Monarchie 1918 nicht nur ihre Macht, sondern auf dem Gebiet der späteren DDR durch die Bodenreform 1945/46 und spätere, systematische Enteignungen auch große Teile ihres privaten Besitzes.
Den verheerenden Bombenangriff vom 6. April 1945, der das Schloss in Brand setzte, überstanden die Vasen unbeschädigt. In der Folge gelangten sie durch Enteignung in den Besitz des Stadtmuseums. Nach der Wiedervereinigung wurden sie an das Haus Reuß rückübereignet, waren jedoch ab 1997 als Dauerleihgabe im Stadtmuseum. Als das Vasenpaar nicht Teil der Dauerausstellung des 2003 neu eingerichteten Stadtmuseums wurde, musste es 2009 endgültig zurückgegeben werden, woraufhin es über das Auktionshaus Christie's verkauft wurde.
Im Jahr 2025 konnte das Museum die beiden Vasen mit städtischen Mitteln dauerhaft für seine Sammlung erwerben. Als Ensemble repräsentieren sie so nicht nur die Ästhetik und Handwerkskunst des japanischen Exportporzellans der Meiji-Zeit, sondern auch ein Stück deutsch-europäischer Geschichte: Sie stehen am Schnittpunkt von fürstlichem Sammlungswesen, staatlicher Enteignung und Provenienzforschung – und machen die vielschichtige Verantwortung sichtbar, die Museen im Umgang mit ihren Beständen tragen.
Noch bis zum 21. Juni 2026 sind die Vasen als zentrale Objekte der Studioausstellung „Neu im Stadtmuseum – Schenkungen und Erwerbungen des Jahres 2026" zu sehen. Zukünftig sollen sie Teil einer neu zu gestaltenden Dauerausstellung werden.